Warum gibt es das H in der Musik?
Ein betrunkener Mönch, ein angeblicher Schreibfehler und Johann Sebastian Bach: Woher kommt dieser ungewöhnliche Tonbuchstabe tatsächlich?
Es gibt Dinge in der Musik, die man einfach übernimmt, weil sie schon immer so unterrichtet wurden.
Ein besonders schönes Beispiel dafür ist der Tonbuchstabe H.
Wir haben sieben Stammtöne. Das musikalische Alphabet beginnt bei A und könnte ganz selbstverständlich bis G durchlaufen.
Genau das passiert in der internationalen Tonbuchstabenschreibweise.
In der traditionellen deutschen Schreibweise passiert dagegen etwas Merkwürdiges.
Mitten in einer alphabetisch aufgebauten Tonreihe steht plötzlich ein Buchstabe, der dort eigentlich nicht hingehört.
Noch verwirrender wird es, wenn man berücksichtigt, dass es im deutschen System zusätzlich einen Ton B gibt. Dieser bezeichnet dort allerdings nicht denselben Ton wie das internationale B.
Warum ist das so? Hat sich tatsächlich vor Jahrhunderten jemand verschrieben? War es ein Mönch? Und welche Rolle spielt Johann Sebastian Bach dabei?
Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir ein Stück in die Musikgeschichte zurückgehen.
1. Ursprünglich gab es tatsächlich ein B
Die Verwendung von Buchstaben als Tonbezeichnungen reicht weit in die europäische Musikgeschichte zurück.
Im mittelalterlichen Tonsystem wurden die Buchstaben A bis G verwendet. Das B war dabei zunächst keineswegs ein fremder oder zusätzlicher Buchstabe.
Es gehörte ganz selbstverständlich zur musikalischen Buchstabenreihe.
Die später entstandene Besonderheit hat mit einem Problem zu tun, das Musiker bereits vor ungefähr tausend Jahren beschäftigte: Ein bestimmter Ton musste je nach musikalischem Zusammenhang in zwei unterschiedlichen Tonhöhen verwendet werden.
2. Das runde und das eckige B
In der mittelalterlichen Musiktheorie unterschied man zwei Formen des B.
B rotundum
Das runde oder weiche B. Es entsprach dem heutigen internationalen B♭, also einem Halbton unter B.
B quadratum
Das eckige oder harte B. Es entsprach dem internationalen B ohne Erniedrigung.
Vereinfachte Darstellung mit heutigen Vorzeichen. Die mittelalterlichen Schriftzeichen sahen je nach Zeit und Handschrift unterschiedlich aus.
Das runde B wurde auch B molle genannt, das weiche B.
Das eckige B hieß B durum, das harte B.
Diese Unterscheidung war musikalisch durchaus sinnvoll.
So ergibt sich zwischen F und dem internationalen B ein Tritonus, also ein Intervall aus sechs Halbtonschritten.
Mit B♭ entsteht dagegen eine reine Quarte.
Für bestimmte melodische und mehrstimmige Zusammenhänge war diese Unterscheidung wichtig.
Entscheidend ist: Die beiden B-Formen waren ursprünglich keine Folge einer alkoholisierten Schreibaktion, sondern Teil einer musikalischen Notationspraxis.
3. Die Hexachorde: Warum man zwei B-Formen brauchte
Im Mittelalter spielte das sogenannte Hexachordsystem eine wichtige Rolle.
Ein Hexachord umfasst sechs aufeinanderfolgende Tonstufen. Besonders bekannt sind drei Formen, die auf C, F und G beginnen.
| Hexachord | Töne in internationaler Schreibweise |
|---|---|
| Natürliches Hexachord | C – D – E – F – G – A |
| Weiches Hexachord | F – G – A – B♭ – C – D |
| Hartes Hexachord | G – A – B – C – D – E |
Im weichen Hexachord verwendete man das erniedrigte B. Im harten Hexachord dagegen das nicht erniedrigte B.
Damit hatte man einen praktischen Grund, die beiden Tonhöhen schriftlich zu unterscheiden.
Der historische Ausgangspunkt lässt sich also erklären. Die eigentliche Frage lautet: Wie wurde daraus ein zusätzlicher Tonbuchstabe?
4. Wie aus dem eckigen B schließlich H wurde
Bei handschriftlichen Noten und später in der Orgeltabulatur wurden unterschiedliche Zeichen für die beiden B-Formen verwendet.
Die eckige Form konnte dabei einem kleinen h ähnlich sehen. Besonders in der deutschen Orgeltabulatur spielte diese grafische Ähnlichkeit eine Rolle.
Als Notationsformen durch Druckschriften verbreitet wurden, begegnete die entsprechende Tonhöhe zunehmend auch in Gestalt des Buchstabens h.
Schließlich etablierte sich im deutschsprachigen Raum eine Unterscheidung, die wir heute noch kennen:
Der nicht erniedrigte Ton
Der um einen Halbton erniedrigte Ton
Der nicht erniedrigte Ton
Der um einen Halbton erniedrigte Ton
Aus einer historisch sinnvollen Unterscheidung zweier Tonhöhen entwickelte sich somit eine eigenständige Tradition der Benennung.
Dabei ist wichtig, zwischen der Entstehung der musikalischen Zeichen und der späteren Festigung der Tonbuchstaben zu unterscheiden.
Die konkrete Entwicklung verlief über viele Jahrhunderte. Sie lässt sich nicht seriös auf einen einzigen Schreiber oder einen einzelnen Augenblick reduzieren.
5. Die berühmte Geschichte vom betrunkenen Mönch
Damit kommen wir zur wohl unterhaltsamsten Erklärung.
Angeblich soll irgendwann im Mittelalter ein Mönch ein B falsch abgeschrieben haben.
In manchen Erzählungen wird daraus sogar ein betrunkener Mönch, der statt eines B versehentlich ein H schrieb.
Dieser Fehler soll anschließend immer wieder kopiert worden sein, bis schließlich niemand mehr auf die Idee kam, ihn zu korrigieren.
Eine schöne Geschichte. Nur leider ist sie historisch nicht belegt.
Fakt oder Legende? Für den angeblichen betrunkenen Mönch gibt es keinen belastbaren historischen Nachweis. Weder ein entsprechender Name noch ein konkretes Ereignis sind als Ursprung gesichert.
Dass sich Zeichen durch handschriftliche Überlieferung verändern können, ist dagegen selbstverständlich plausibel.
Auch Verwechslungen und Vereinfachungen von Schriftzeichen können in der Geschichte eine Rolle gespielt haben.
Aber aus dieser Möglichkeit folgt noch lange nicht, dass wir die gesamte Entwicklung einem einzelnen Abschreibfehler zuschreiben können.
6. Was hat Johann Sebastian Bach damit zu tun?
Jetzt wird die Geschichte musikalisch besonders interessant.
Johann Sebastian Bach lebte von 1685 bis 1750.
Die besondere deutsche Tonbezeichnung war bereits vor seiner Zeit etabliert.
Bach hat den Buchstaben also nicht erfunden.
Aber er konnte eine Besonderheit dieses Systems auf bemerkenswerte Weise für seine Musik nutzen.
Sein Familienname lässt sich in der traditionellen deutschen Tonbuchstabenschreibweise als Tonfolge darstellen:
Die musikalische Signatur B-A-C-H
Internationale Töne: B♭ – A – C – B
Dieses Motiv ist tatsächlich ein wichtiger Bestandteil von Bachs musikalischem Erbe.
Besonders berühmt ist sein Auftreten im überlieferten Fragment der letzten Fuge aus Die Kunst der Fuge, bekannt als Fuga a 3 Soggetti beziehungsweise Contrapunctus XIV.
Dort verwendet Bach die vier Tonhöhen seines Namens als musikalisches Thema.
Zahlreiche spätere Komponisten griffen diese Tonfolge ebenfalls auf, darunter Robert Schumann, Franz Liszt und Max Reger.
Interessant daran ist aber: Bach nutzte lediglich eine bereits vorhandene Schreibweise.
Die Tatsache, dass sich sein Name musikalisch darstellen lässt, erklärt nicht die historische Entstehung des Buchstabens H.
7. Acht Mythen rund um die Tonbezeichnung
Es existiert keine belastbare historische Quelle, die diese konkrete Geschichte nachweist.
Belegt sind dagegen die beiden mittelalterlichen B-Formen und die spätere Entwicklung unterschiedlicher Schreibweisen.
Die Entwicklung ist komplexer. Handschriftliche Zeichen, Notationskonventionen, Orgeltabulaturen und Druckschriften spielten eine Rolle.
Die Geschichte eines einzelnen Fehlers klingt einprägsam, erklärt aber die historische Entwicklung nicht vollständig.
Die Tonbezeichnung existierte bereits vor Johann Sebastian Bach.
Er verwendete die vorhandenen Buchstaben für eine musikalische Signatur, erfand sie aber nicht.
Es gibt weiterhin sieben Stammtöne innerhalb der diatonischen Buchstabenreihe.
H ist in der traditionellen deutschen Schreibweise lediglich der Name für den Ton, der international B heißt.
Das deutsche B entspricht dem internationalen B♭.
Das internationale B entspricht dagegen dem deutschen H.
Wer Noten oder Akkordbezeichnungen aus unterschiedlichen Ländern verwendet, muss diesen Unterschied kennen.
In vielen international verwendeten Notationssystemen läuft die Buchstabenreihe von A bis G.
Die traditionelle deutsche Unterscheidung wird allerdings nicht nur in Deutschland verwendet. Auch in mehreren anderen europäischen Ländern ist sie verbreitet.
Von einer weltweit einheitlichen Buchstabenbenennung kann daher keine Rede sein.
Selbstverständlich klingt ein Ton nicht anders, weil wir ihm einen anderen Namen geben.
Tonhöhe, Intervall und Akkordfunktion bleiben gleich. Nur der verwendete Begriff unterscheidet sich.
Historisch gewachsene Systeme können ihre Berechtigung haben, auch wenn sie aus heutiger Sicht kompliziert wirken.
Tradition allein ist aber noch kein Beweis dafür, dass eine Bezeichnung für den heutigen Musikunterricht besonders übersichtlich ist.
8. Was ist an der traditionellen Schreibweise so unlogisch?
Betrachten wir die Sache einmal aus heutiger Sicht.
Wir benutzen sieben Stammtöne und sieben aufeinanderfolgende Buchstaben.
Die internationale Buchstabenreihe lautet:
A – B – C – D – E – F – G
Diese Folge ist unmittelbar nachvollziehbar.
Möchten wir einen Ton um einen Halbton erniedrigen, schreiben wir beispielsweise B♭.
Möchten wir ihn erhöhen, verwenden wir B♯.
Das Prinzip funktioniert bei sämtlichen Stammtönen.
Die traditionelle deutsche Schreibweise führt dagegen für genau einen Stammton eine zusätzliche Besonderheit ein.
Aus international B wird H, während B für den erniedrigten Ton reserviert bleibt.
Man muss also eine Ausnahme lernen, die für das Verständnis der heutigen Tonhöhen nicht notwendig ist.
Natürlich besitzt die traditionelle Schreibweise einen historischen Hintergrund. Sie ist deshalb nicht musikalisch falsch.
Ihre innere Logik erschließt sich jedoch erst dann, wenn man ihre Geschichte kennt.
Für jemanden, der gerade mit dem Notenlesen beginnt, ist das kaum ein Vorteil.
9. Warum wird die Bezeichnung trotzdem weiterverwendet?
Der wichtigste Grund ist die musikalische Tradition.
Musikschulen, Lehrbücher, Notenausgaben und zahlreiche Musiker verwenden diese Bezeichnungen seit Generationen.
Dadurch entsteht eine gewachsene gemeinsame Verständigungsgrundlage.
Wer mit älteren deutschen Notenausgaben arbeitet oder mit Musikern spielt, die diese Schreibweise gelernt haben, sollte sie natürlich verstehen.
Das ist ein praktischer Grund, weshalb das System weiterhin verwendet wird.
Es ist jedoch kein zwingender Grund, die gleiche Ausnahme in jedem neuen Lehrmaterial fortzuführen.
10. Und was bedeutet das für Gitarristen?
Gerade Gitarristen begegnen sehr häufig internationalen Akkordbezeichnungen.
Tabs, Songbooks, Akkorddiagramme, Online-Lektionen und viele Musikprogramme verwenden die international üblichen Tonbuchstaben.
So besteht beispielsweise der G-Dur-Akkord aus:
In der traditionellen deutschen Schreibweise würde derselbe Dreiklang mit G–H–D bezeichnet.
Es handelt sich dabei um dieselben drei Tonhöhen.
Wer beide Schreibweisen durcheinander verwendet, erzeugt dagegen unnötige Verwirrung.
Besonders problematisch wird das, wenn die Herkunft eines Akkorddiagramms nicht bekannt ist.
Ein einfaches Beispiel: Steht in einem internationalen Akkorddiagramm Bm, ist damit der Moll-Akkord auf dem internationalen B gemeint. Er enthält die Töne B, D und F♯.
Das ist derselbe Akkord, der in traditioneller deutscher Schreibweise H-Moll heißt. Wer das internationale B fälschlich als deutsches B interpretiert, landet einen Halbton daneben.
Deshalb lohnt es sich, eine eindeutige Schreibweise zu verwenden und konsequent dabei zu bleiben.
11. Warum Guitar Campus die internationale Schreibweise verwendet
Bei Guitar Campus verwenden wir konsequent die internationalen Tonbuchstaben A, B, C, D, E, F und G.
Für erniedrigte Töne verwenden wir das Zeichen ♭, für erhöhte Töne das Zeichen ♯.
Das erleichtert den Umgang mit internationalem Unterrichtsmaterial, Akkorddiagrammen und Musiksoftware.
Vor allem müssen wir keine zusätzliche Ausnahme in einer ansonsten einfachen Buchstabenreihe vermitteln.
Die historische deutsche Schreibweise darf man selbstverständlich kennen. Es ist sogar sinnvoll, ihre Bedeutung zu verstehen.
Aber etwas zu verstehen, bedeutet nicht, dass man es deshalb dauerhaft übernehmen muss.
12. Was bleibt von der Geschichte übrig?
Die Unterscheidung zwischen rundem und eckigem B war eine reale Entwicklung der europäischen Musiknotation.
Auch die Verwendung des Buchstabens H in der deutschen Musikgeschichte ist ausführlich dokumentiert.
Johann Sebastian Bach nutzte diese Besonderheit für ein berühmtes musikalisches Motiv.
Was sich dagegen nicht nachweisen lässt, ist die Geschichte von dem einen betrunkenen Mönch, dessen Abschreibfehler angeblich alles ausgelöst hat.
Diese Erzählung darf man gerne als Musik-Anekdote weitergeben.
Sie sollte nur nicht als gesicherte historische Tatsache unterrichtet werden.
Fazit: Geschichte verstehen statt Mythen wiederholen
Die deutsche Tonbezeichnung H ist eine historische Besonderheit. Ihre Entwicklung hängt mit mittelalterlicher Musiknotation und der späteren Schreibpraxis zusammen.
Die Legende vom betrunkenen Mönch ist dagegen nicht historisch belegt.
Johann Sebastian Bach hat die Bezeichnung nicht erfunden. Er nutzte sie lediglich für seine berühmte musikalische Signatur.
Aus heutiger Sicht ist die alphabetische Tonbuchstabenreihe A–B–C–D–E–F–G übersichtlicher und ohne zusätzliche Sonderregel verständlich.
Deshalb verwenden wir bei Guitar Campus die internationale Schreibweise.
Musikgeschichte darf interessant sein. Musiktheorie sollte vor allem verständlich bleiben.
Quellen und weiterführende Literatur
Die historischen Aussagen dieses Artikels stützen sich unter anderem auf folgende Veröffentlichungen.
1. Early Music in the West – Plainchant Notation and Theory
Darstellung des mittelalterlichen
Hexachordsystems und der
Unterscheidung von
B durum und B molle.
Zur Quelle
2. Journal of Seventeenth-Century Music
Jeffery T. Kite-Powell:
Notating—Accompanying—Conducting.
Wissenschaftliche Darstellung der
deutschen Orgeltabulatur.
Zur Quelle
3. Bach-Archiv Leipzig
Clear the Stage for J. S. Bach.
Ausstellungsmaterial zur
Kunst der Fuge und
zum B-A-C-H-Motiv.
Zur Quelle
4. Hugo Riemann – Musik-Lexikon
Historischer Lexikoneintrag
zur Entwicklung der
Tonbuchstaben und
der B-Schreibweisen.
Zur Quelle
5. Christoph Drösser – DIE ZEIT
Stimmt's? Schiefe Tonlage.
Einordnung der Geschichte
vom angeblichen
Abschreibfehler.
Zur Quelle


